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12.09.2014

Hoch begabt, früh verstorben, fast vergessen: Der Maler Ludwig Anton Seitz aus Auerbach

von Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath

Kemnath. „Wie wird dereinst Ihr Nachruf aussehen?“, wurde Kurt Tucholsky einmal gefragt. Das wisse er ganz genau, erwiderte der Satiriker mit grimmig-verschmitztem Humor: Da werde also eines Tages „Pappa“ in der Abendzeitung die Todesanzeige entdecken und seiner „Mamma“ davon erzählen: „Denk mal, der Tucho ist gestorben“ – worauf sie höflich-desinteressiert „meinen Nachruf sprechen“ werde: „Ach –?“

1827 wurde Ludwig Anton Seitz in Kemnath geboren,  seine Vorfahren stammten aus alteingesessenen Kemnather Bürgerfamilien we Rupprecht, Reichold, Leipold, Pohnather, Metschnabl und Gangwolf. Mit nur 36 Jahren starb er am 21. Juli 1864 in seiner zweiten Heimat Auerbach. 1861 malte Ludwig Seitz dieses Altarbild für die Sankt-Anna-Kapelle der Auerbacher Pfarrkirche St. Johannes der Täufer. Die Darstellung Annas bei der Unterweisung ihrer Tochter Maria gilt als Hauptwerk des aus Kemnath stammenden Künstlers und zeugt von dessen großer Kunstfertigkeit.

Nun, spräche man heute „Otto Normalkemnather“ darauf an, dass vor 150 Jahren Ludwig Anton Seitz gestorben sei, so fiele die Reaktion wohl kaum beredter aus. Doch das wäre keine Schande: Wahrscheinlich kennt nur eine Hand voll kunstwissenschaftlicher „Insider“ noch den Namen dieses Malers, der am 21. Juli 1864 in seiner zweiten Heimat Auerbach erst 36-jährig der „Abzehrung“ zum Opfer fiel – einer lebensbedrohlichen Abmagerung, die wohl auf Tuberkulose oder Krebs zurückging. Warum ist der Spross alteingesessener Kemnather Bürgerfamilien, dessen Vaterhaus das heutige Anwesen Wunsiedler Straße 32 war, derart in Vergessenheit geraten, dass ihm nicht einmal die „allwissende“ Wikipedia einen Nischenplatz gönnt?

„Vermutlich liegt es daran, dass der bereits in jungen Jahren verstorbene Kunstmaler und Vergolder Ludwig Seitz, wenn auch begabt, wegen seines frühen Todes nicht so viele Werke schaffen konnte“, nimmt der Kemnather Heimatforscher und Museumsleiter Anton Heindl an, der bei regionalgeschichtlichen Recherchen auf den „vergessenen Sohn unserer Stadt“ stieß. Doch das allein sei es wohl nicht: Überdies habe Seitz einen Kunststil gepflegt, der sich zwar Mitte des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreut habe, jedoch nicht lange darauf als vermeintliche „Kitsch-“ und „Schablonen-“Malerei geächtet worden sei, nämlich den seither fast stereotyp als „süßlich“ geschmähten „Nazarenerstil“.

Ja, was zählt Begabung, wenn ihre Früchte der Nachwelt und ihrem wetterwendischen „Zeitgeist“ nicht mehr genehm sind? Und begabt war der am 13. November 1827 geborene Sohn des Büttners und Pfarrmesners Franz Joseph Seitz und seiner Frau Anna Maria, einer geborenen Gangwolf, zweifellos. „Vorzüglichen“ Fleiß und Lernerfolg bescheinigte dem Kemnather ein Zeugnis der „Königlichen Polytechnischen Schule“ zu München, an der Ludwig Anton 1845/46 Unterricht im Freihandzeichnen genommen hatte. Eine vierjährige Studienzeit an der Kunstakademie der Landeshauptstadt sowie zwei Jahre in Bamberg, wo Seitz das künstlerische Handwerk des Vergoldens erlernte, schlossen sich an. In dieser Zeit empfing der angehende Künstler Stipendien aus zwei Familienstiftungen.

Nach Abschluss seiner Ausbildung wurde Ludwig Anton Seitz in Auerbach sesshaft, wo er 1852 ein Ansässigmachungs- und Verehelichungsgesuch stellte. Drei Söhne und zwei Töchter waren ihm und seiner Frau Regina vergönnt. Finanziell scheint es um die Künstlerfamilie zumindest in den ersten Jahren nicht immer zum Besten gestanden zu haben. „Seitz hatte wohl Mühe, Aufträge zu erhalten“, schließt Anton Heindl aus zwei bei der Stadt Auerbach dokumentierten Darlehensgesuchen von 1855 und 1859. Doch verfügte die Familie mit dem Anwesen Unterer Markt 24 wenigstens über ihren „eigenen Herd“.

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Kemnath-Auerbacher Künstler-Austausch

Kemnath. Sein jäher Tod riss Ludwig Anton Seitz aus einem Schaffen, das zu den besten Hoffnungen Anlass gab, und nur wenige Bilder sind von ihm überliefert. Das Lexikon des Bayreuther Kunsthistorikers Karl Sitzmann über „Künstler und Kunsthandwerker in Ostfranken“ vermerkt knapp als Hauptwerke: „Malt 1858 die beiseite gestellte Kreuzwegfolge, 1861 das nazarenische Altarblatt des Anna-Altars der Pfarrkirche ebenda (d. h.: in Auerbach) und bessert die Deckengemälde in der Pfarrkirche Bühl aus, renoviert das Altarbild der hl. Helena, Pfarrkirche Kersbach/Schnaittach, bezeichnet ‚restauriert 20.IX.1862 von Lud. Seitz Auerbach‘.“

Dennoch, so der Leiter des Kemnather Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums Anton Heindl, hätten dem jungen Kunstmaler schon diese Proben seines Könnens zu Ansehen im Auerbacher Raum und in der fränkischen Nachbarschaft verholfen. Und noch auf andere Weise machte er sein Talent fruchtbar. 1820 hatte der Auerbacher Maler Johann Karl eine Zeichenschule gegründet, in der „interessierte und begabte Knaben kostenlos Zeichenunterricht“ erhielten, wie Heimatforscher Rudolf Weber festhält. Nach Karls Tod 1837 führten zunächst dessen Töchter, später ein Maurermeister Johann Bauer und schließlich Ludwig Seitz dieses kunstpädagogische Werk fort, das leider nach dem Tod des Künstlers einging.

Nebenbei bemerkt sind die künstlerischen Verbindungen zwischen Berg- und Anzensteinstadt durchaus gegenseitiger Art. So hatte sich schon um 1700 Johann Martin Wild, Abkömmling einer bekannten Auerbacher Künstlerfamilie, in Kemnath angesiedelt, „wo das Geschlecht lange blühte und bis ins 20. Jahrhundert wirkte“ (Rudolf Weber). Zu Wilds beeindruckendsten Werken gehört die gemeinsam mit seinem Erlanger Kollegen Gabriel Schreyer gestaltete Bilderdecke der evangelischen „Ordenskirche“ in Bayreuth-Sankt Georgen: eine „Bibel in Bildern“ aus 38 Gemälden.

Bedauerlich findet Anton Heindl, dass diese und weitere Künstler und Kunsthandwerker in Kemnath kaum mehr bekannt sind. Nach der diesjährigen Sonderschau über Kemnather Zinngießerfamilien, die noch bis zum 27. Juli besichtigt werden kann, will er mit einer für kommendes Jahr geplanten Ausstellung im Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum über Ludwig Seitz einen weiteren Schritt tun, diesem Manko abzuhelfen. Doch sieht Heindl auch die Stadtverantwortlichen in der Pflicht: „So bitte ich bei der Vergabe von neuen Straßennamen auch Kunstschaffende wie Schreiner Johann Felix Anton Dorsch, Schreinerfamilie Eckmann, Goldschmied und Bürgermeister Johann Michael Mayr, Maler und Bürgermeister Maximilian Sattler, Johann Peter Weyh, die Malerfamilie Wild, die Goldschmiedefamilie Zeillner und natürlich Ludwig Seitz in die Überlegungen mit einzubeziehen.“ So trüge das Gemeinwesen dazu bei, dass „ihre für deren Lebzeiten hohen künstlerischen Leistungen“ nicht vergessen würden.

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INTERNET
www.weber-rudolf.de , www.bayreuth-evangelisch.de/sites/default/files/be2011-3_AprilMai.pdf .
Über den „Nazarenerstil“: fakten-uber.de/nazarener_(kunst) , www.tagesspiegel.de/kultur/sie-wollten-glauben/602058.html .
Eine ausführliche Arbeit von Anton Heindl über Ludwig Anton Seitz ist für das Jahrbuch „Kemnather Heimatbote 2014“ vorgesehen, das im Frühjahr 2015 erscheint.
(Gesamter Text: BJP)

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