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12.09.2013

Liebgewordene Luther-Legende

von Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath

Kemnath. Sind sie’s, oder sind sie’s nicht? Kreisheimatpfleger und Stadtarchivar Robert Schön tendiert eher zu „nein“. Die Konfessionsgeschichte, die mit viel Mühe zu rekonstruierenden Physiognomien: alles dies weckt Zweifel daran, dass die Glasmedaillons im Nordwestfenster der Kemnather Friedhofskirche die Reformatoren Martin Luther und Jean Calvin abbilden.

Luther und Calvin nebeneinander? 1604 war das kaum denkbar, denn die reformatorischen Gemeinschaften waren einander damals noch spinnefeind. Trotzdem will die Überlieferung, dass die beiden Fensterchen Portraits der Reformatoren enthalten. Den Geist des nüchternen Calvinismus spiegeln die schlichten Ornamente der Holzdecke in der Friedhofskirche wider. Stadtarchivar Robert Schön und Museumsleiter Anton Heindl stellten die Kemnather Friedhofskirche vor.

Doch die liebgewordene Legende hat sich über vier Jahrhunderte gehalten, und noch vor knapp 80 Jahren wurden die „Glasaugen“ deswegen zum Zankapfel. „1935 hatte die katholische Kirchenverwaltung die Fensterbilder entfernen lassen, weil sie ja angeblich die ‚abtrünnig‘ gewordenen Reformatoren zeigten“, erzählte Robert Schön in seinem Vortrag zum Tag des offenen Denkmals, zu dem sich über 40 Besucher auf Einladung des Heimatkundlichen Arbeitskreises (HAK) in der Kapelle eingefunden hatten.

Die Kemnather seien allerdings „ökumenischer“ gesinnt gewesen als ihre kirchliche Obrigkeit: „Die katholischen Einwohner haben gegen die Entfernung der ‚Reformatorenbilder‘ protestiert, und 1936 waren die Medaillons wieder an ihrem angestammten Platz.“ Wen die Fensterchen zeigten, werde wohl ungewiss bleiben: „Es wird auch gemutmaßt, dass sich die Baumeister Gabriel Vischer und Sebald Seitz hier verewigt haben.“

Beide Namen erscheinen in Inschriften über dem Südportal. „Gabriel Vischer war um 1604 Bürgermeister und Stadtbaumeister“, wusste Robert Schön. Nicht nur dies lasse vermuten, dass die Kirche damals in städtischer Bauträgerschaft errichtet worden sei: Der Stadtmagistrat und nicht die kirchliche Verwaltung habe Personen, die für den Bau gespendet hätten, als Gegenleistung Familiengräber in der Kirche bewilligt.

Schon 1558, so der Referent, sei der zu eng und „verwesungsmüde“ gewordene Friedhof von seinem früheren Platz nahe der Stadtkirche an den westlichen Stadtrand verlegt worden. Warum man mit dem Bau einer Friedhofskapelle bis 1604 gewartet habe, sei unbekannt: „Offensichtlich zelebrierte man damals wie heute die Gottesdienste in der Stadtkirche, wobei man anschließend über den Marktplatz auf den vor der Stadt liegenden Friedhof zog.“

Kurz vor der Neuanlage des Gottesackers sei sogar eine hölzerne Feldkapelle beseitigt worden, die vermutlich als Kirchlein für ein nahebei gelegenes Siechenhaus gedient habe. In der Folgezeit habe an dieser Stelle wohl ein Feldkreuz gestanden, ließ Schön wissen. Nach der 1626 einsetzenden Rekatholisierung der Oberpfalz sei die 1606 vollendete Friedhofskirche der heiligen Maria Magdalena geweiht worden: „Hiervon kommt die Bezeichnung ‚Magdalenenvorstadt‘.“ Die Ausstattung stamme überwiegend aus dem 18. Jahrhundert

Die Holzdecke mit ihrem rein ornamentalen Schmuck erinnert laut Robert Schön allerdings noch an den nüchternen und bilderfeindlichen Calvinismus, der in den pfälzisch-wittelsbachischen Gebieten ab 1559 zeitweilig als Staatsreligion durchgesetzt worden sei. Möglicherweise aus abgebrochenen Kirchen stammten mehrere Epitaphien aus dem 16. Jahrhundert, doch sei Näheres nicht bekannt. 28 Kirchenstühle und die Glocke im 1735 aufgesetzten Türmchen habe man aus dem 1802 aufgehobenen Franziskanerkloster, den Hochaltar aus der 1804 profanierten Grabenkapelle gerettet.

Sakristei und Totenbeinhäusl seien 1679 angebaut, das Totenbeinhäusl 1941 in ein stadteigenes Leichenhaus umgewandelt worden. Der „Ölberg“ von 1693 habe ursprünglich außen an der nördlichen Seitenwand gestanden, sei aber zum Schutz vor der Witterung ins Kircheninnere versetzt worden.

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Holzfelderdecke war einsturzgefährdet

Kemnath. Seit einigen Jahren ist die Friedhofskirche nur noch an wenigen Gedenk- und Bitttagen zum Gebet geöffnet. Jetzt wird sie generalsaniert. „Die Baumaßnahmen haben bestandserhaltenden Charakter, doch auch dies erfordert eine sechsstellige Summe“, berichtete Anton Heindl, Leiter des Kemnather Heimatmuseums, bei der Besichtigung der Kirche am Tag des offenen Denkmals.

Dankbar sei man, dass die Bistumsverwaltung diese Maßnahmen bewilligt habe, denn das Bischöfliche Ordinariat gebe der Renovierung aktiv genutzter Pfarrkirchen Vorrang. Freilich sei die Sanierung dringend geboten, da beispielsweise die Holzfelderdecke einsturzgefährdet gewesen sei. Gemeinsam mit Stadtrat und Pfarrgemeinderatsmitglied Markus Lehner, der für den beruflich verhinderten Architekten Gerhard Gresik eingesprungen war, führte Anton Heindl die Besucher durch den Dachstuhl.

Wünschen würde sich Anton Heindl, dass auch die barocke Orgel instandgesetzt werden könnte: „Nur die Tastatur wurde offenbar im 19. Jahrhundert erneuert, ansonsten ist das Instrument im Originalzustand erhalten.“

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